Betreuungskonzepte für Demenzkranke

2.1 Einführung

Um den Betroffenen so viel Lebensqualität wie möglich zu erhalten, kommt es auf die richtige Betreuung und Verständnis für den Betroffenen an, denn durch Unverständ­nis gegenüber dem Demenzkranken können unbewusst aggressive Reaktionen her­vorgerufen werden. Angehörige bzw. Pflegepersonal sollten den Patienten dazu anhalten, viele Aktivitä­ten noch eigenständig durchzuführen damit der Patient nicht durch Verlernen alltäg­licher Dinge verfrüht pflegeabhängig wird.

Beim Umgang mit dem Patienten hilft es, sich all das bewusst zu machen, was wir über die Krankheit inzwischen wissen. So sind alle Maßnahmen, die bei der Reaktion ein intaktes Erinnerungs- oder Lernvermögen voraussetzen, völlig sinnlos und sollten vermieden werden, dazu gehören logische Erklärungen oder Versuche, dem Patien­ten etwas beizubringen. Ebenso sollte man vermeiden, sich auf Diskussionen und Anschuldigungen einzulassen. Der Demenzpatient wird Fehler nicht einsehen.
Worauf die Patienten hingegen sehr positiv reagieren, ist jede Form von emotionaler Zuwendung. Daher gilt es, geduldig und freundlich zu bleiben, auch wenn es mitunter schwer fällt.

Infolge der gestörten räumlichen, zeitlichen und personellen Orientierung ist es für demente Menschen schwer, ihren Tag eigenständig zu strukturieren oder sich sinn­voll zu beschäftigen. Aus diesem Grund gehört zu einer Optimierung des „Milieus“ auch eine fest vorgegebene Tagesstruktur, in der sich Aktivitäten und Ruhephasen abwechseln. Dabei sollte jeder Tag gleich strukturiert sein, um ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln.

Die Angebote im Tagesprogramm sollen vor allem die niedrige Konzentrati­onsfähig­keit, besonders bei Demenzerkrankten in fortgeschrittenem Stadium, und die Mög­lichkeiten des Einzelnen berücksichtigen. Die Angebote können sowohl ver­traute (z.B. Wäsche bügeln) als auch unvertraute Handlungen (z.B. das Sortieren von Ge­genständen) beinhalten. Zu beachten ist hier, dass es zu keiner Überforde­rung durch eine Reizüberflutung, aber auch zu keiner Unterforderung aufgrund einer fehlenden Stimulierung von außen kommt.
Zum strukturierten Tagesablauf gehört auch das regelmässige Treffen von Gruppen. Hier sollen Bedürfnisse nach sozialen Kontakten befriedigt und sozialer Isolation ent­gegengewirkt werden. Wichtig ist das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, die aller­dings möglichst klein sein sollte, da sonst eher Überforderung die Folge der Grup­penarbeit ist, die z.B. Aktivitäten wie Singen, Spielen, Bastelarbeiten oder auch Spa­ziergänge beinhalten kann.

 

Zusammenfassend sollte folgendes beachtet werden:

  • Geduldig sein mit dem Patienten und ihm Zeit (Minuten, nicht Sekunden) für eine Reaktion oder Entgegnung geben
  • Verständnisvoll sein – auch wenn es mitunter schwer fällt
  • Klare Anweisungen in einfachen, kurzen Sätzen geben
  • Sinnlose Diskussionen vermeiden
  • Für Beständigkeit und Routine im Tagesablauf des Erkrankten sorgen
  • Bedürfnisse nach sozialen Kontakten durch Gruppentreffen befriedigen
  • Über- bzw. Unterforderung vermeiden
  • Konkrete Angaben wie Zeit, Datum, Ort und Namen bieten Erinnerungshilfen
  • Anschuldigungen oder Vorwürfe besser überhören

 

2.2 Vorstellung der Betreuungskonzepte

Zur Zeit wird in der Pflege hauptsächlich mit vier Betreuungskonzepten gearbeitet, nämlich Validation, Stimulation der Sinne, Milieutherapie und Realitätsorientierungs­training. Die ersten beiden Konzepte werden hier vorgestellt die beiden anderen sind nur mit grossem Aufwand durchführbar und werden daher hier nicht berücksichtigt.

 

2.3 Validation

Das Konzept der Validation wurde von Naomi Feil zwischen 1963 und 1980 ent­wickelt. Sie arbeitete als Sozialarbeiterin in den USA.

Das Betreuungskonzept besteht aus Kommunikationstechniken, die in der Betreuung von dementen Menschen angewendet werden sollen. Der Schlüssel zu einer adä­quaten Kommunikation mit ihnen ist dabei die Validation (von lat. validus = kräftig; engl.: valid = gültig), also das „Für-Gültig-Erklären“ der Erfahrung und der subjektiven Wirklichkeit eines anderen Menschen. Die persönliche Sichtweise des Demenz­erkrankten wird dabei in den Mittelpunkt der Therapie gestellt, wobei wichtige Ver­haltensregeln für den zu Betreuenden einzuhalten sind. So soll z. B. die subjektive Realität des Betroffenen nicht korrigiert oder in Frage gestellt werden.
Validieren bedeutet, die Gefühle eines Menschen anzuerkennen und für wahr zu er­klären. Durch ein gutes Einfühlungsvermögen soll versucht werden, in die innere Er­lebniswelt des desorientierten Menschen vorzudringen. Dabei kommt es zum Aufbau von Vertrauen, Sicherheit, Stärke und Selbstwertgefühl. Verbale und nonverbale Signale der Erkrankten sollen aufgenom­men und in Worten wiedergegeben werden.

 

2.3.1 Ziele der Validation

  • Wiederherstellen des Selbstwertgefühls
  • Reduktion von Stress
  • Rechtfertigung des gelebten Lebens
  • Reduktion chemischer und physischer Zwangsmittel
  • Verbesserung der verbalen und nonverbalen Kommunikation
  • Verbesserung des Gehvermögens und des körperlichen Wohlbefindens
  • Verhindern eines Rückzugs in das Vegetieren

 

2.3.2 Zielgruppe der Validation

Die Zielgruppe sind vor allem desorientierte, sehr alte Menschen (über 80 Jahre), die sich in einem der vier Unterstadien der Demenz befinden (s.1.3).

 

2.3.3 Anwender der Validation

Die Einstellung gegenüber dementen Menschen ist für die Anwendung von Valida­tion wichtiger als die konkreten Techniken. Es muss akzeptiert werden, dass der Rückzug in die Vergangenheit eine Methode des Überlebens bedeuten kann.

Aufgabe des Validations-Anwenders ist die Hilfestellung bei der Erfüllung der letzten Lebensaufgabe. Er soll vertrauensvoll zuhören, Gefühle bestätigen und ernstneh­men, diese aber nicht analysieren.

 

2.3.4 Validation in der Pflege und Betreuung

Validation in der Pflege erfolgt in den drei Schritten

  • Sammeln von Informationen
  • Bestimmung des Stadiums
  • Anwendung von Validationstechniken

 

Sammeln von Informationen

Im ersten Schritt werden über mindestens zwei Wochen Informationen über die betreffende Person, ihr vergangenes Leben, die gegenwärtige Situation und ihre Zu­kunftsvorstellungen gesammelt. Dies kann durch das Gespräch mit Desorientierten, das Befragen von Angehörigen und das Beobachten der betroffenen Person ge­schehen. Im Gespräch soll darauf geachtet werden, dass Fragen keine Angst erzeu­gen. Dies wären z.B. Fragen nach Zeitspannen. Statt dessen sollen allgemeine For­mulierungen verwendet werden.

 

Bestimmung des Stadiums

Im zweiten Schritt erfolgt die Bestimmung des Stadiums durch die Informationen, die zur Person gesammelt wurden. Da sich die Auswahl der Validationstechnik nach den einzelnen Unterstadien richtet, ist die richtige Zuordnung der desorientierten Person in das entsprechende Unterstadium von ausschlaggebender Bedeutung.

 

Anwendung von Validationstechniken

Darauf aufbauend erfolgt im dritten Schritt die Anwendung von Validationstechniken, die auf das Unterstadium abgestimmt sind. Die Dauer der Validierung ist abhängig von der Konzentrationsfähigkeit der desorientierten Per­son. Feil empfiehlt Kontaktzeiten bis maximal fünfzehn Minuten, je nach Stadium der Desorientierung.
Im folgenden werden zwei Techniken vorgestellt, die Möglichkeiten zur Anwendung von Validation aufzeigen. Die erste ist nur in den beiden ersten Stadien der Orientierung möglich, die zweite eher in den beiden letzten.

 

verbale Kommunikationstechniken

  • Achten Sie auf die Wortwahl
  • Fragen Sie: wer, was, wo, wann, wie (Vermeiden Sie warum)
  • Fragen Sie nach dem Extrem (Wie schlimm? Schlimmer? Am besten? …)
  • Rufen Sie in Erinnerung (Wie war es früher?)
  • Versuchen Sie das Gegenteil vorstellbar zu machen (Wann war es besser? Gab es eine Zeit, wo das und das nicht passierte?)
  • Singen Sie vertraute Lieder, die gefühlsmäßig passen

 

nonverbale Kommunikationstechniken

  • Spiegeln Sie die Bewegung, atmen Sie im gleichen Rhythmus
  • Berühren Sie: Wangen, Hinterkopf, Kieferlinie, Schultern, Oberarme etc.
  • Halten Sie Blickkontakt

 

2.4 Stimulation der Sinne (Basale Stimmulation)

Menschen nehmen ihre Umgebung auf Dauer nur wahr, wenn ihre körperlichen Sinne wechselnd gereizt werden. Dagegen gewöhnt man sich an eintönige, also gleichförmige Reize, so daß man sie nach einiger Zeit nicht mehr wahrnimmt. Dies gilt für Schmerz- und Temperaturempfinden ebenso wie für Tasten, Rie­chen und Sehen. Ein solches Schicksal droht vor allem Demenz-Kranken, die bettlägerig sind bzw. sich kaum noch bewegen können. Diese Situation spitzt sich zu, wenn die Betreffenden auch noch „super weich“ gelagert und lediglich mit Flügelhemdchen „bekleidet“ sind. Das Körperempfinden eines solchen Menschen ist mit dem tauben Gefühl vergleichbar, das man nach einer zahnärztlichen Schmerzspritze verspürt. Für viele Demenz-Kranke kommt hinzu, daß sie aufgrund altersbedingter Hör- und Sehbeeinträchtigungen ohnehin nur noch schlecht wahrnehmen können.

Wer z. B. bei der Körperpflege bewußt unterschiedliche Reize einsetzt, hilft dem Kranken, Körper und Umwelt besser wahrzunehmen (etwa durch leichten Druck beim Einseifen, abwechselnden Gebrauch von Schwämmen und Waschlappen, Abtrock­nen mit unterschiedlich weichen Handtüchern, Einreiben, Massieren, Einkleiden mit gut sitzenden Textilien).

Beim Waschen kann z. B. statt eines Waschlappens ein Socken verwendet werden, den man über die Hand zieht: Socken haben den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu Waschlappen durch das Bündchen besser an der Hand halten und sich die Pflege­person so völlig auf die Stimulation bzw. das Waschen konzentrieren kann. Eine ganz normale Socke über die Hand gestreift, fühlt sich zudem oft weicher an als ein Waschlappen.

Eine weitere Möglichkeit der Stimulation von Bettlägerigen ist die Nestlage­rung. Eine gerollte Decke oder ein Stillkissen wird um den Patienten herum drapiert. Damit be­rührt der Patient, wenn er sich bewegt, die gerollte Decke und spürt sich selbst da­bei. Die Nestlagerung kann sowohl bei liegenden (Vorsicht jedoch am Kopf/ Ohrläpp­chen wegen des Wundliegens) als auch bei sitzenden Patienten erfolgen.

 

2.4.1 Die Sinne erwecken

Alte Menschen be­gegnen der Reizverarmung oft, indem sie sich selbst stimulieren, um Informationen über den eigenen Körper und die Umwelt zu erhalten. Typische Beispiele sind

  • Nestelbewegungen auf der Bettdecke
  • Reiben und Kratzen auf der eigenen Haut
  • Kratzen mit den Fingernägeln auf dem Tisch
  • Schaukeln mit dem Oberkörper

Neben den bereits erwähnten Möglichkeiten der Stimulation des Fühlens gibt es auch noch die Möglichkeit, das Wahrnehmungsvermögen der anderen Sinne zu verstärken:

  • Riechen
    Vertraute Gerüche fördern die Erinnerung, Körperpflege mit Parfum, Deo oder Rasierwasser, das dem Kranken lieb und ver­traut ist,
    Anregung des Geruchssinns durch Blumen, ätherische Öle und Essensdüfte.
  • Sehen
    Mobiles, Poster und Bilder mit kräftigen Farben sowie leicht erkennbaren Motiven, Fotos aus dem Privatleben des Patienten, schon ein einziger Gegenstand, der ins Blickfeld gerückt wird, kann den Tag des Kranken verändern
  • Hören
    Singen Sie Lieder, die der Kranke aus seiner Kindheit/Jugend kennt
  • Gleichgewicht
    Schaukeln im Schaukelstuhl, gemeinsames Ausführen rhythmischer Bewegungen (z.B. Tanzschritte), Wiegen des Kranken im Arm des Betreuers

Basiert auf WordPress. Meta von AWESEM.